Heimkehr

Ich bin jetzt schon seit 2 Wochen wieder zu Hause. Es ist mir wirklich schwer gefallen, alles hinter mir zu lassen. Ich schick hier auch mal meinen Abschlussbericht hin, damit ihr es ein bisschen nachvollziehen könnt, da steht alles eigenlich genauso drin, wie ich es empfunden habe :)

Danke für die Geduld und für die einzelnen Mails die ich erhalten habe! 

 

„Wenn ein Reisender nach Hause zurückkehrt, soll er nicht die Bräuche seiner Heimat eintauschen,

gegen die des fremden Landes. Nur einige Blumen, von dem, was er in der Ferne gelernt hat, soll er

in die Gewohnheiten seines eigenen Landes einpflanzen.“ Francis Bacon

Da ist er also, der Zeitpunkt das Jahr zu reflektieren, alle Blumen und Muscheln zu sammeln und im

Herzen zu verwahren, zu realisieren, dass es langsam Zeit wird all das hinter mir zu lassen, was ich

hier lieben und schätzen gelernt habe und nach Hause zurückzukehren. Ich muss zugeben, dass das

wirklich nicht einfach für mich ist! Es war ein wirklich großes Jahr, voller Erlebnisse, Abenteuer

und vor allem neuer Erfahrungen, die mich als Person geprägt haben und aus denen ich gelernt

habe.

In meinem Projekt beispielsweise habe ich sehr viele Erfahrungen gemacht, die zum einen Teil

nicht immer schön waren, aber gleichzeitig auch hilfreich und wunderbar. Ich habe gelernt Geduld

zu haben, mit den Dingen, die nicht wirklich geklappt haben, aber vor allem auch Geduld mit mir

selbst und und den anderen Freiwilligen, die auch in meinem Projekt gearbeitet haben. Auch habe

ich gelernt Dinge durchzuziehen, die mir nicht gefallen haben oder die mich gelangweilt haben, wie

zum Beispiel Bücher sortieren und zu archivieren. Auch habe ich gelernt, Zeiten zu überbrücken, in

der es nichts zu tun gibt und meine Kreativität auszuweiten.

Auch in den Gefühlsebenen habe ich viel gelernt. In meiner Familie habe ich gesehen, wie wichtig

hier die Familie ist und dass sie IMMER im Vordergrund steht, egal wie beschäftigt man gerade ist.

Wenn es zum Beispiel dem Vater wirklich schlecht geht, wird die Arbeit zur Seite gelegt und man

kümmert sich nur um den Vater. Das ist ein wunderbares Gefühl diesen wirklich starken

Zusammenhalt der Familie zu sehen und auch zu fühlen, dass man selbst auch ein großer und

wichtiger Teil davon ist.

Gleichzeitig ist mir aber auch aufgefallen, dass ich hier dennoch sehr fremd bin. Schon allein durch

meine Hautfarbe, meine Haarfarbe und meine Sprache, bin ich für Aussenstehende doch immer

(und werde das auch immer bleiben) die Ausländerin, die nur zu Besuch in dieses Land gekommen

ist, die „Gringa“, wie wir, die wir hellere Haut haben, hier von vielen (natürlich nicht von allen)

genannt werden. Das nimmt den Zauber auch schon wieder aus all den Gefühlen, die ich durch

meine Familie und Freunde erhalten habe. Egal wie lange ich bleibe, immer werde ich die

Ausländerin sein, die in Museen mehr bezahlen muss, die angestarrt wird, weil sie irgendwie anders

aussieht. Das macht mich ein wenig traurig, denn ich selbst fühle mich, als hätte ich hier ein

Zuhause gefunden und in meinem Herzen könnte ich für immer hier bleiben.

Persönlicher Projektrückblick

Wie ich schon in meinen Zwischenberichten beschrieben habe, war ich einem Projekt zugeteilt, das

sich in erster Linie mit der Umweltproblematik – speziell Boliviens – beschäftigt. Ich habe im

Laufe des Jahres gelernt, die Wichtigkeit des Projektes zu schätzen, muss aber selbstkritisch

einschätzen, dass ich an dieser Stelle nicht gut besetzt war. Meine Aufgaben waren aufgrund meiner

fehlenden Vorbildung und aufgrund meines fehlenden Hintergrundwissens sehr begrenzt und

anfängliche Sprachschwierigkeiten haben meinen Start nicht einfach gemacht.

Ich denke, dass es ein wirklich gutes und wirksames Projekt ist. Jedoch habe ich selbst mich ein

wenig nutzlos gefühlt. Ich denke, dass es auch für meine Kollegen eher schwierig war mit mir zu

arbeiten, da ich leider nicht wirklich viel beitragen konnte. Bei diesem Projekt ist wirklich viel Kreativität gefragt, die sich aber auf das Thema bezieht und ich

persönlich habe nicht wirklich das Hintergrundwissen und das Talent wenn es um das Thema

Umwelt und Klimawandel geht.

Ich glaube, wenn Freiwillige für dieses Projekt eingeteilt werden, sollten sie das lange vorher

wissen, um sich gut schon im eigenen Land darauf vorbereiten zu können. Mir hätte eine

ausführliche Projektbeschreibung sehr geholfen. Zwar habe ich mich zu Hause gedanklich mit dem

Thema Klimawandel und Ökologie ansatzweise beschäftigt, meine Stärken liegen aber deutlich

woanders. So konnte ich leider wenige Eigeninitiative zeigen und dem Projekt nicht wirklich

Impulse geben. Das finde ich sehr schade, denn im Laufe des Jahres habe ich das Projekt sehr

schätzen gelernt. Sicher waren die mir aufgetragenen Aufgaben wie Bücher sortieren und

Dokumente kopieren wichtig – im Nachhinein glaube ich trotzdem, dass ich mehr beitragen hätte

können.

Besonders gern habe ich die praktischen Arbeiten mitgemacht. Es gibt zum Beispiel fröhliche

Bilder, wo ich als Wassertropfen an einer Straßenkampagne teilnehme – bei dieser Kampagne habe

ich mich selbst intensiv damit beschäftigt, welche Rolle Wasser den verschiedensten

Lebenssituationen spielt. Besonders Spaß hat mir bei dieser Kampagne die Arbeite mit den Kindern

gemacht. 

Sehr gern war ich im Projekt „Keine Plastiktüten“ involviert. Das ist ein Thema, das mich auch hier

in Deutschland beschäftigt.

Den größten Teil meiner Arbeitszeit habe ich im Büro verbracht. Ich hoffe sehr, dass meine

sortierenden, administrativen und übersetzenden Arbeiten hilfreich war.

Wunderbar war die Atmosphäre im Team. Wir haben uns ausgetauscht, gegenseitig Tips gegeben

und viel voneinander gelernt.

Dennoch möchte ich nocheinmal darauf eingehen, dass ich mich in Vorbereitung auf das

Auslandsjahr vor allem auf eine Arbeit mit Kindern – und wenn auch möglich auch Musik – gefreut

habe. So habe ich das in meiner Bewerbung formuliert. 

Die Beschäftigung mit einem ganz anderen Bereich, hat meinen Horizont erweitert, meinen Blick

für die alltäglichen Umweltprobleme – in Bolivien und zu Hause – geschärft und mich

sensibilisiert. 

Was habe ich gelernt? Nun habe ich eine Vorstellung davon, wie Büroarbeit abläuft. Ich habe einige

Fähigkeiten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit erlernt. Geduldiger bin ich geworden und es gelingt

mir nun leichter, scheinbare Leerlaufzeiten sinnvoll zu nutzen. Das wird mir in meinem Leben sehr

weiterhelfen. 

Gerlernt habe ich, meine Zeit einzuteilen und Arbeiten systematisch und sorgfältig zu erledigen.

Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich finde es sehr wichtig, dass dieses Projekt weiterhin unterstützt wird.

Der sehr emotionale Abschied hat mir gezeigt, dass auch mein aus meiner Sicht eher

zurückhaltender Einsatz für das Projekt nicht unnütz und vielleicht sogar sehr unterstützend war. 

Persönlicher sozialer Rückblick

Das beste, was mir passieren konnte, war meine Familie. Ich fühlte mich von Anfang wunderbare

aufgenommen und geliebt. Eigentlich war ich von Beginn an ein vollwertiges Familienmitglied.

Sowohl die Eltern als auch meine Geschwister haben mich so angenommen, wie ich bin und mir

eine große Wärme vermittelt. Dafür bin ich sehr dankbar und ich bin mir sicher, dass der Kontakt

noch lange bestehen bleiben wird. In dieser Familie habe ich den Zusammenhalt der Familie in

Bolivien kennen und schätzen gelernt. Besonders begeistert bin ich von der Tradition, jeden Tag

gemeinsam Mittag zu essen. Alle arbeitenden Familienmitglieder kommen mittags heim und essen

gemeinsam. Das würde ich gern auch hier einführen. Meine Familie war groß und sehr

kommunikativ, ich habe im Laufe des Jahres einen Großteil der weitverzweigten Familiekennenlernen dürfen. Eine besondere Beziehung habe ich zu meiner Gastschwester Indira

aufgebaut. Sie hat mich in das soziale Leben Boliviens eingeführt und mir ein Gefühl für das Land

vermittelt. Gleichzeitig hat sie mich vor Dummheiten bewahrt und mich beschützt. Die Idee, in

Gastfamilien ein Auslandsjahr zu verbringen, finde ich ausgesprochen gut. Das ist die beste

Gelegenheit, Land, Leute und Leute authentisch kennenzulernen. „Meine“ Familie hat viele

Erfahrungen mit Freiwilligen und so konnte ich im Laufe des Jahres drei weitere Freiwillige aus

verschiedenen Ländern kennenlernen. Hayato aus Japan, der bis Weihnachten da war, Helene aus

Österreich, die schon Bolivienerfahrungen hatte und für drei Monate meine Zimmernachbarin war

und Margaux aus Frankreich, die zwei Monate mit mir unter dem selben Dach lebte. Diese

Internationalität fand ich sehr schön – die Kontakte werden sicher bestehen bleiben.

In meiner Familie konnte ich auch einen Teil meiner Vorstellungen umsetzen. Drei Kinder im Alter

von 1-6 durfte ich oft betreuen und bespielen, dieser Abschied fiel besonders schwer.

Es ist – vor allem für Ausländerinnen - sehr schwer in Bolivien Freunde zu finden, da es sehr lange

dauert, bis sie ihr wahres „Ich“ offenbaren. Dank meiner Familie, aber vor allem meiner

Arbeitsstelle, wurde es mir sehr viel leichter gemacht und am Ende habe ich sehr gute Freunde

gefunden, mit denen mich viel verbindet.

Anfänglich hat es mich irritiert, dass viele Familien auch Hausangestellte haben (meist Indigene).

Im Laufe des Jahres habe ich gelernt, dass es sich um ein wichtiges soziales Element handeln. In

meiner Familie zum Beispiel haben zwei Jugendliche den Haushalt und den angeschlossenen Laden

geführt. Besonders komisch fand ich, dass es sich um Familienmitglieder handelt. Erst im Laufe des

Jahres habe ich gelernt, dass sie im Gegenzug eine Schulbildung erhalten, die ihnen auf dem Land

nicht ermöglicht werden kann.

In La Paz hat die Hausangestellte von Familienmitgliedern durch diese Arbeit eine gute Wohn- und

Lebensmöglichkeit, sowie eine Schulbildung für ihr Kind erhalten.

Persönlicher Länderrückblick

Es war eine Überraschung für mich nach Bolivien gesendet zu werden. Ich hatte mich vorher noch

nie damit auseinander gesetzt, somit hatte ich auch wenige Vorstellungen und Erwartungen und

konnte mich sehr gut auf das Land einlassen. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass es eins der

schönsten Länder der Welt ist. Besonders faszinierend ist die Ursprünglichkeit und die

vergleichsweise geringe Europäisierung des Landes. Ich glaube, dass man in keinem anderen Land

so viele Ureinwohner und verschiedene Traditionen und Kulturen auf einmal antreffen kann. Jede

Region hat ihre eigenen Traditionen und pflegt sie auch. Spannend für mich ist auch, dass

Christentum und Ursprungsreligionen so miteinander verbunden werden, als hätten sie schon immer

zusammengehört. Das beste Beispiel ist die Verknüpfung von der „Pachamama“ und der Mutter

Maria.

Zu allen Festlichkeiten werden die traditionellen Tänze, Kostüme und Musikinstrumente der

einzelnen Regionen vorgeführt. Das gefällt mir besonders, denn damit bleibt die Traditionen

erhalten. Die Bolivianer sind sehr stolz auf ihre eigenen Traditionen, was sich auch daran zeigt, dass

bei internationalen Tanzfestival, die eigenen Tänze besonders gefeiert werden.

Das Jahr war so intensiv und ereignisreich für mich, dass es mir zu einer zweiten Heimat geworden

ist.

Auch aus heutiger Sicht würde ich mich für ein solches Freiwilliges Jahr entscheiden.

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit

verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude.“ Dietrich Bonhoeffer

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